Polaroid Fotos sind schlecht?
Bevor du dir eine Polaroid Kamera kaufst solltest du ein paar Dinge darüber wissen.
Immer wieder stoße ich im Netz auf Beiträge von Menschen die von der Bildqualität ihrer neu gekauften Polaroid enttäuscht sind. Sehr häufig wird die Bildqualität generell als ‚schlecht‘ beschrieben. Aber was genau bedeutet schlecht? Warum sind viele Leute so unzufrieden mit diesen Kameras? Ich selbst bin mittlerweile ein großer Fan von Polaroid. Allerdings muss ich zugeben das auch ich am Anfang alles andere als begeistert war. Je mehr Beiträge von enttäuschten Besitzern ich gelesen habe desto sicherer bin ich mir die Gründe für diese Enttäuschungen zu kennen und möchte dir, falls du mit dem Gedanken spielst dir auch eine Polaroid zu kaufen, mit diesem Beitrag helfen die richtige Entscheidung zu treffen.
Um es kurz zu sagen: Polaroid Fotos sind nicht schlecht, sie sind nur sehr speziell.
Meine Liebe zu Polaroid (es war ein langer Weg)
Der Hauptgrund liegt meiner Meinung nach in einer völlig falsch gesetzten Erwartung. Viele Leute sehen in einer Polaroid eine einfach zu bedienende Party Kamera. Gerade die Go Modelle vermitteln diesen Eindruck. Sie sind super klein, es gibt sie in verschiedenen Farben und der integrierte Blitz lässt vermuten das die Belichtung dann auch in dunklen Umgebungen passen muss. Dann haben viele gehört das es Polaroid schon sehr lange gibt, oder Sie haben noch im Kopf das ihre Eltern auch schon damit fotografiert haben und schließen dann daraus das diese Fotos einen richtig coolen Retrostil haben müssen. Naja – den haben sie auch – allerdings etwas anders als viele das erwarten.
Retrolook ist angesagt – das wissen wir. Und im Gegensatz zu Instax Kameras und deren Film hat Polaroid eine Geschichte die in das Jahr 1948 zurück geht. Schnell kommt man also zu dem Schluss das Polaroid noch cooler sein muss als Instax. Ich selbst bin das erste mal auf Instax aufmerksam geworden als ich in einem Elektromarkt die kleinen quietschbunten und knallig kontrastreichen Fotos auf einer Auslage gesehen habe. Natürlich haben mich diese Fotos sofort an Polaroids erinnert und vor meinem geistigen Auge erschienen die alten Polaroidaufnahmen meiner Eltern aus den 80er Jahren.
Um jetzt nicht zu weit aus zu holen mache ich es kurz. Ich habe mir natürlich eine Kamera gekauft die auf Instax Film fotografiert und zwar die ‚Diana Instant Square’ von Lomography – wegen des quadratischen Formats. Das hat richtig Spaß gemacht und die Ergebnisse waren genau wie erwartet – kontraststarke Fotos mit kräftigen Farben. Nur eben etwas kleiner als Polaroid. Kurze Zeit später kam was kommen musste und ich kaufte mir eine ‚Polaroid Now Gen.2‘. Mit ihr kam dann auch bei mir zunächst die große Enttäuschung.
Weg waren sie die knalligen bunten Ergebnisse. Stattdessen hielt ich blasse, flach wirkende Fotos in den Händen. Und irgendwie wirkte alles ein bisschen unscharf. Und was zur Hölle waren das für ‚Fehler‘ auf manchen Fotos? An den Rändern gab es manchmal Flecken oder ‚verschmierte‘ Bereiche oder auch Muster die aussahen wie Wurzeln? Manche waren so extrem überbelichtet das ich kaum noch etwas erkennen konnte. Meine Wut war groß, die Polaroid wurde ins unterste Regal verbannt und mein Fazit lautete ‚Polaroid war mal gut aber heute ist es einfach schlecht.‘
Das ich mit diesem Fazit nicht lange leben konnte war mir klar und kurze Zeit später begann ich zu lesen. Polaroid hat doch eine sehr große Fangemeinde, was mache ich also falsch? Nach etlichen Artikeln und jeder Menge YouTube Videos wurde mir klar das ich ca. 20% falsch gemacht hatte und die restlichen 80% an meiner Erwartung lagen. Polaroid ist nämlich wesentlich komplexer als ich mir das vorgestellt hatte. Meine Anwendungsfehler lagen hauptsächlich an vier Dingen:
- Kurz nachdem das Foto aus der Kamera ausgeworfen wurde ist es extrem lichtempfindlich. Das Schutzblatt (Frog Tongue) ist nicht umsonst da und man sollte das frische Foto mindestens 5 Sekunden lang von diesem bedeckt lassen bevor man es entfernt. Der weitere Entwicklungsprozess muss ebenfalls im dunklen ablaufen. Also ab in die Hosentasche damit. Und nicht ungeduldig sein. 10 - 15 Minuten sollten es mindestens sein. Länger im dunkeln ist immer besser. Und NICHT schütteln! Das war noch nie nötig, auch früher nicht.
- Polaroid Film ist temperaturempfindlich. An sehr heißen Tagen bekommen die Fotos einen Rotstich und an sehr kalten Tagen einen Blaustich. Das kann nur bedingt verhindert werden. Zum Beispiel wenn du deine Polaroid in einer Thermotasche transportierst.
- Die Belichtungskorrektur ist entscheidend für die Bildqualität! Die Go Modelle haben diesen +/- Regler nicht, die meisten ‚großen‘ Kameras schon. Man sollte diese Möglichkeit nicht ignorieren und sich mit den Auswirkungen auf das Foto näher beschäftigen. Was mich direkt zum nächsten Punkt bringt...
- Ich dachte die Kamera selbst sei nicht so wichtig. Von wegen! Polaroid Kameras sind keineswegs alle gleich. Die Unterschiede der Modelle und deren fotografischen Möglichkeiten sind enorm. Ebenso der Preis: Angefangen bei ca. 40€ für manche gebrauchten Modelle aus den 80ern bis hin zur SLR670-X Zero von Mint für ca. 1000€. Oder darf es die SLR680(Type i) für 1200€ sein? Nur logisch also das ich mit meiner Now Gen.2 für rund 70€ nicht das Top Modell gekauft hatte.
Zur Vollständigkeit sollte ich noch erwähnen das es neben dem i-Type Film (für neue Polaroid Kameras) und dem 600er (für alte Modelle - mit integrierter Batterie zur Stromversorgung der Kamera) auch noch den SX-70 gibt. Dieser hat einen deutlich niedrigeren ISO Wert und eine intensivere Farbwiedergabe. Es gibt also auch beim Film Unterschiede.
Und was ist mit den 80% falsche Erwartung?
So seltsam es auch klingen mag, aber ich musste mich an die Ästhetik von Polaroids eine ganze Zeit lang einfach gewöhnen. Am meisten Probleme hatte ich am Anfang damit geeignete Motive zu finden. Das geht sicher nicht jedem so aber für mich war es das Hauptproblem. Dadurch das die Farben einfach schwächer und der Kontrast flacher war als beim Instax Film hatte ich große Probleme mir vor zu stellen was auf Polaroid funktioniert und was nicht. Heute schätze ich an Polaroid genau diesen extravaganten Look.
Soll das etwa bedeuten das man sich an ‚schlechte‘ Fotos gewöhnen muss wenn man mit Polaroid fotografiert?
Nein! Ganz und gar nicht. An den Anfangs erwähnten Posts von gefrusteten Polaroid Neuligen sind sehr häufig auch Fotos angehängt. Oft schaue ich mir diese an und denke: ‚Passt doch, ist doch ein cooles Foto geworden‘. Ich glaube es liegt viel eher daran das Polaroid in der heutigen Zeit noch immer etwas anbietet was die meisten von uns schon lange verlernt haben schön zu finden – echte Retro Fotos. Kein Wunder. So vieles was wir heute an Fotografie sehen ist schrill, bunt und knallig – oder im zeitlos geliebten schwarz weiß. Ich habe Polaroid dafür lieben gelernt all das zu ignorieren und der Nostalgie treu zu bleiben. Wenn du also gerade überlegst dir auch eine Polaroid zu kaufen behalte das im Hinterkopf. Es kann ein Weilchen dauern bis du auf den Geschmack kommst. Eines kann ich dir aber versprechen. Wenn es dich erwischt lässt es dich nicht mehr los :-)